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Mittwoch, 7. Oktober 2015

[REZENSION] DIE DEUTSCHLEHRERIN VON JUDITH W. TASCHLER

24789246
Quelle: goodreads.com

Taschenbuch
Erscheinungsdatum: 01. Dezember 2014

Hardcover: 13. Februar 2013
Seiten: 224
Preis: 9,99 €

ISBN:
978-3-426-51635-5 
Verlag: Droemer



VERLAGSTEXT
Mathildas große Liebe, Xaver, hat sie verlassen. Daraufhin erleidet die junge Frau einen Nervenzusammenbruch. Sechzehn Jahre später scheint sie endlich einen Platz im Leben gefunden zu haben: Mathilda ist Deutschlehrerin in einer anderen Stadt. Da taucht Xaver, inzwischen gefeierter Jugendbuchautor, plötzlich wieder auf. Die beiden rekapitulieren ihre gescheiterte Beziehung. Die Geburt von Xavers Sohn nur wenige Monate nach der Trennung und dessen Entführung werden zum Angelpunkt ihrer Begegnung. Ein raffiniertes und fesselndes Spiel um Liebe, Rache Schuld nimmt seinen Lauf.

"Stell dir ein Leben ohne Geschichten vor! Die Menschen brauchen sie, um sich daran orientieren zu können. Entweder fühlen sie sich beim Zuhören in etwas bestätigt oder sie geben ihnen Mut, selbst etwas zu tun oder zu ändern, oder sie berühren und unterhalten sie einfach."


Die Geschichte beginnt damit, dass die beliebte Lehrerin Mathilda ihre Deutschklasse zur Veranstaltungsreihe "Schüler/in trifft Autor/in" anmeldet. 
"Eine Woche lang wird eine Autorin bzw. ein Autor in der Schule für interessierte Schüler/innen eine Schreibwerkstatt leiten.
...welcher Autor ihre Schule besuchen wird, entscheidet das Losverfahren."
Die Wahl fällt auf den Jugendbuchautor Xaver. Ausgerechnet Mathildas Ex-Freund, der damals sang- und klanglos aus ihrem Leben verschwunden ist. Ob sie da wohl ihre Finger im Spiel hatte? Hat sie etwa mit ihm noch eine Rechnung offen, die sie jetzt begleichen möchte?

Mathilda und Xaver haben sich 1980, da war sie gerade 22, bei einer Vorlesung kennengelernt. Sie verlieben sich ineinander und ziehen zusammen. Doch das was sie sich sehnslichst wünscht, möchte er ihr nicht erfüllen - ein Kind. Die beiden sind bereits über 10 Jahre zusammen, haben sich etwas aufgebaut und stehen finanziell gut da. Doch am Ende ist eine Trennung unausweichlich, zumindest für Xaver. Denn dieser verschwindet ohne ein Wort aus ihrem Leben. Nach einem Zusammenbruch rappelt sich Mathilda wieder auf und richtet sich ihr Leben neu ein. Sie reist viel und ihr Job als Lehrerin füllt sie aus. Sie ist bis heute alleinstehend, während Xaver kurz nach der Trennung mit einer anderen Frau eine Familie gegründet hat.  Allein ist er dennoch, wenn auch aus anderen Gründen. 

Wer hier "Mainstream" erwartet, wird enttäuscht sein. Schon der Aufbau der Geschichte ist anderes als alles, was ich je gelesen habe. 

  • Die Story setzt sich aus E-Mails zusammen, die sie einander schreiben, bevor sie sich wiedersehen. Xaver ist erst nicht klar, mit wem er es zu tun hat. 
  • Dann erzählt die österreichische Autorin die Geschichte von Mathilda und Xaver. Vom Anfang ihrer Liebe bis zur Trennung.
  • In Dialogform berichtet sie von ihrem Wiedersehen. 
  • Dann kommen noch Passagen, in denen sich die beiden Geschichten erzählen. Wie haben sie die Trennung empfunden? Was ist seitdem passiert? Familiengeschichten werden ausgetauscht. Außerdem vermischen sich hier Realität und Phantasie, denn es geht auch darum, wie sich etwas abgespielt haben könnte. Wie hat sie die ganzen Ereignisse der letzten Jahre, seit ihrer Trennung, wahrgenommen - wie er.  
  • Auch Briefe werden geschrieben - diese dokumentieren die Ereignisse der Zukunft.  

Die Erzählungen wirken anfänglich etwas konfus und die Autorin hält auch keine bestimmte Reihenfolge ein. Alle Ereignisse werden bunt gemischt, ebenso Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Phantasie. Trotzdem ergibt das Ganze am Ende eine stimmige Geschichte und man versteht, was die beiden miteinander verbindet, was sie durchgemacht haben und welche Geheimnisse sie vor der Außenwelt verbergen. Es ist auch unklar, ob Mathilda an dem schlimmsten Ereignis in Xavers Leben beteiligt war - dem spurlosen Verschwinden seines einzigen Sohnes. Immerhin hat er ihr mit seiner Entscheidung sie zu verlassen, um ein Leben mit Kindern "betrogen". Warum ihn ungeschoren davon kommen lassen?

Es handelt sich hier weder um einen Krimi, noch um einen Psychothriller - eher um einen psychologischen Spannungsroman. Die Geschichte ist sehr tiefgründig, Mathilda ist sehr raffiniert und man weiß nicht, wie man sie einschätzen soll. Auf der einen Seite beliebte Lehrerin, auf der anderen Seite spielt sie ein falsches Spiel. Wie bei einer Zwiebel, wird hier Schicht um Schicht freigelegt und endet in einem "spannenden Finale", dass allerdings doch ganz anders war als ich erwartet hatte. Ich habe sogar ein paar Tränchen vergossen. 

Fazit: Das Buch ist etwas ganz besonderes. Auch wenn die Erzählung chaotisch wirkt, die Autorin weiß genau was sie macht. Judith W. Taschler hat einen tollen Schreibstil und liefert eine Geschichte ab, die zum Nachdenken anregt und einen keinesfalls nach dem Beenden gleich loslässt.
 
© Patrick Saringer



DIE AUTORIN
Judith W. Taschler wurde 1970 in Linz (Österreich) geboren. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Innsbruck und arbeitete einige Jahre als Deutschlehrerin. Seit 2012 ist sie freiberufliche Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Innsbruck. Quelle: wikipedia.de






AUSZEICHNUNG
Für ihren zweiten Roman "Die Deutschlehrerin" erhielt sie 2014 den Friedrich-Glauser-Preis.

BEGRÜNDUNG DER JURY (Quelle: Autorenhompage)
"Liebe, Verrat und Tod. Es sind die großen Themen des Lebens, die Judith Taschler sprachlich virtuos in ein kleines Kammerspiel packt. Und es sind die leisen Töne, die dieser als Zwiegespräch geführten Lebensbeichte eine dramatische Tiefe verleihen. Unaufdringlich eröffnet sich dem Leser ein Panoptikum vergebener Lebenschancen. Zwei Menschen, füreinander bestimmt, folgen ihren egozentrischen Lebensplänen und verpassen sich. Irritiert und ergriffen von der Tragik der Geschichte folgen wir der opportunistischen Handlungslogik der Protagonisten bis ans bittere Ende. Leben heißt scheitern, hat Amélie Nothomb einmal gesagt. So konsequent, spannend und literarisch subtil wie Judith Taschler das Thema umsetzt, wird auch Scheitern zum Hochgenuss!"
 

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