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Mittwoch, 21. September 2016

[REZENSION] DIE ZEITENBUMMLERIN VON LEONIE FABER

30134716
Quelle: goodreads.com


Klappenbroschur
Erscheinungsdatum: 01. April 2016
Seiten: 336
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-426-51880-9
Verlag: Knaur (Verlagsgruppe Droemer Knaur)


VERLAGSTEXT
Haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter Sie werden? Die Journalistin Josefine, 53 Jahre alt und frisch verlassen, soll erfolgreiche Aussteiger für einen Artikel über Entschleunigung interviewen. Sie selbst fühlt sich von ihrem durchgeplanten Alltag zunehmend gehetzt und beschließt spontan, mit dem Rad zu ihren Terminen zu fahren. Die Tour von Berlin über die Ostseeküste bis nach Norwegen wird zum Abenteuer und Extremtrip und belohnt sie schließlich mit etwas ganz Besonderem: der Begegnung mit sich selbst.


Josefines Reiseroute:
Berlin - Usedom - Lübeck - Bergen/Hardangerfjord (Norwegen)


"An einem glutheißen Julitag und mit einem vollbeladenen Citybike, bricht Josefine von Berlin-Mitte Richtung Ostsee auf. Sie fährt nicht nur über die Grenzen Deutschlands, sondern geht auch weit über ihre eigenen Grenzen hinaus - der Trip wird zur Sinnsuche, zu einem Selbstversuch, außerdem einem Abenteuer- und Extremtrip."

"Die Zeitenbummlerin" erzählt die Geschichte einer 52-jährigen Journalistin, die von ihrem Mann für eine jüngere Frau verlassen wurde. Dazu sage ich nur so viel: Hier wurden (leider) keine Klischees ausgelassen.

Josefine bleibt zwar weiterhin in dem gemeinsamen Haus wohnen, kann aber das Schlafzimmer nicht mehr betreten und die Küche immer nur für kurze Zeit. Sie leidet sehr unter der Trennung, denn ihrer Meinung nach, haben sie eine gute Ehe geführt. Auch im Laufe der Erzählung hat sich (meiner Meinung nach) kein Grund für die Trennung herauskristallisiert, und auch nach der Scheidung haben die beiden immer noch einen relativ guten Draht zueinander.
"Achtzehn Jahre Gleichtakt. Bei ihr und Robert. Achtzehn Jahre ein und ein unausgesprochenes 'für immer'."
Robert besitzt eine eigene Schreinerei in der er hochwertige Möbel herstellt und sie geht in ihrem Beruf als Journalistin voll auf. Die Ehe der beiden blieb kinderlos, was von beiden aber so gewollt war. War das im nachhinein ein Fehler? Und wieso gibt es auf einmal so viele verliebte Menschen auf der Welt? Sie waren plötzlich überall...
"Seit der Trennung schnäbelte und turtelte die ganze Welt."
Josefine ist selbständig, arbeitet aber momentan an dem Artikel "Glück der Langsamkeit" für die Zeitschrift "Soulbalance". Sie hat mehrere interessante Interviewpartner im Visier, die allerdings etwas weiter weg wohnen. Während eines Gesprächs mit der Chefredakteurin kommt Josefine (leicht umnebelt vom vielen Wein) die zündende Idee:
"Da müsste man eigentlich mit dem Fahrrad hinfahren".
Ihre Chefredakteurin ist sofort Feuer und Flamme:
"Eine geniale Idee! Eine Reportage über die Entdeckung der Langsamkeit, und die Journalistin entdeckt selbst die Langsamkeit!"
Schon kurze Zeit später ist die Facebookseite und der Blog online, denn Josefine soll natürlich die ganze Welt an diesem Trip teilhaben lassen. Diese schwitzt mittlerweile Blut und Wasser, denn sie ist völlig untrainiert, doch aus der Sache kommt sie nicht mehr heraus. Also schwingt sie sich auf ihr Citybike und die Reise kann beginnen.

Es spielt sich viel in Josefines Kopf ab, denn während sie fährt, kreisen ihre Gedanken um ihre zerbrochene Ehe und um ihre schwierige Kindheit. Ihr Vater, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat, war Extremsportler und ihre Mutter ist sehr früh verstorben. Dieser Aspekt der Geschichte hat mir sehr gut gefallen, denn ihre inneren Dialoge fand ich sehr interessant, außerdem bekommt man einen wunderbaren Einblick in ihr Seelenleben.

Der eigentliche Grund für ihre Radreise ist der Artikel und so trifft sie sich mit interessanten Persönlichkeiten, die sich aus dem "Laufrad" befreit haben.

Zwei betagte Rentner, die Weltenbummler Bernhard und Michael, laden sie auf ihr Boot ein. Aus einem einfachen Interview wird eine Übernachtung mit guten Gesprächen und noch besserem Essen. 

Auch ihr Treffen mit dem Bestseller-Autor Jörg Weil verläuft anders als geplant. Aus einem einfachen Abendessen wird ebenfalls eine Übernachtung mit vielen überraschenden Einsichten, allerdings nicht von Josefines Seite.

Ihre letzte Station führt Josefine sogar bis nach Norwegen. Ungeplant, aber dennoch die beste Entscheidung ihres Lebens. Muna führt ein Aussteigerleben und weiß selbst nie so genau, wohin es sie als nächstes verschlägt. Das Treffen der beiden Frauen hat für Josefine ungeahnte Folgen. Auch hier geht es weit über das geplante Interview hinaus. 

Die Lebensgeschichten ihrer Interviewpartner fand ich eigentlich ganz interessant, aber letztendlich ist sie in ihren Erzählungen sehr oberflächlich geblieben. Ich hatte mir emotionalere und tiefgreifendere Einsichten gewünscht. Auf Josefines Leben hatten die Treffen aber Auswirkungen, die sich allerdings erst später in der Geschichte gezeigt haben. 

Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass man mit einem Citybike auf so einer Reise allerhand erlebt, denn für solche Fahrten ist dieses Rad nicht ausgelegt. Daher passieren ihr einige Missgeschicke, welche ihr die Reise erschwert und mich zum Schmunzeln gebracht haben. 

Ich hatte mich sehr auf ihre Blog- und Facebookeinträge gefreut, allerdings konnte sie sich nicht wirklich darauf einlassen und hat es am Ende ganz eingestellt. Ich mag solche Passagen eigentlich sehr gerne, weil sie eine Geschichte auflockern. Ein paar wenige Notizbucheinträge und Handynachrichten findet man dennoch in dem Buch.
"Wenn du die Uhr nicht mehr ticken hörst, hast du den berühmten Flow-Zustand erreicht." 
Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hatte, war ich von der Idee ebenso hingerissen wie von dem wunderschönen Buchcover. Solche Romane sind genau mein Ding, denn normal kann doch jeder. :-) Von meiner kleinen grünen Couch aus habe ich diese interessante Radreise sehr genossen, die Landschaftsbeschreibungen haben mich begeistert und man hält mit diesem Schmöker ein Buch in der Hand, dass sich leicht und angenehm weglesen lässt. An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Tiefsinn gewünscht, aber mit ihrer spontanen Reise nach Norwegen hat sie bei mir wieder alles gut gemacht. Diesen Teil der Geschichte habe ich regelrecht aufgesogen und dank ihrer bildhaften Landschaftsbeschreibungen wurde ich kurzfristig von meiner Couch ins wunderschöne Norwegen gebeamt. Auch hatte ich das Gefühl, dass Josefine langsam wieder zu sich findet. Außerdem scheint sie sich endlich von ihrem Ex-Mann zu lösen, doch überraschenderweise ist ihm ihre Reise gar nicht so recht. 



Einfach mal kürzer treten, sein Hab und Gut auf das Wesentliche reduzieren und im Hier und Jetzt leben - hört sich einfach an, aber Josefine hat eine sehr lange Reise unternommen um genau da hinzukommen. Doch wie geht es nach Norwegen für sie weiter? Nur so viel sei verraten - mit dem Ende hat mir die Autorin eine Freude gemacht... Und so haben wir beide glücklich diese Reise beendet! 


Fazit: Ein gut geschriebenes Buch mit einem Hauch Esoterik und ausdrucksstarken Landschaftsbeschreibungen. Die Geschichte hat mir ein paar unterhaltsame Lesestunden beschert, denn hier stimmt das Gesamtpaket! 


DIE AUTORIN
Claudia Brendler lebt als freie Autorin, Comedian und Musikerin in Frankfurt. Seit über 15 Jahren ist sie Teil des Musik-Comedy-Duos "Queens of Spleens". Zuletzt erschien ihr Roman "Fette Fee" bei dtv. 

Als Leonie Faber hat sie ihre jahrenlangen Recherchen und Gedanken zum Thema Zeitempfinden in diesem Roman verarbeitet, ebenso ihre Radreise- und Nordreiseerfahrungen.
Quelle: Montsegur

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